Warum wir keine Tipps mehr wollen und eigentlich keine Blogger sind

Du kennst das sicher.

Kaum sprichst du deine Reisepläne aus, kommt irgendjemand mit Tipps um die Ecke. Also wenn ihr in Vietnam seid, müsst ihr unbedingt.. Den Ort xy könnt ihr euch auf Bali sparen, fahrt lieber nach yz.. Nach Thailand würde ich ja nicht mehr fliegen, viel zu überlaufen.

Wir wissen, das sind gut gemeinte Ratschläge und manche Tipps sind sicher nützlich und hilfreich, aber es wäre cool, wenn ihr sie trotzdem für euch behalten könntet. Vor allem, wenn keiner fragt!

Versteht mich nicht falsch. ich liebe Reisegeschichten. Ich liebe es zuzuschauen, wenn jemand mit leuchtenden Augen total aufgeregt von seinem letzten Urlaub erzählt. Darum geht es doch irgendwie beim Reisen, oder? Abenteuer erleben, Geschichten schreiben, Menschen kennen lernen, sich selbst herausfordern. 

Darum geht es. 

Nicht darum, welchen Ort du blöd fandst und welchen ganz toll. Doch wenn du es mir erzählst, kann ich es nur schwer wieder vergessen und meine Erwartung an den Ort steigt oder sinkt - je nachdem. Und dabei ist doch jeder anders. Energien sind anders. Vorstellungen sind anders. Geschmäcker sind anders. Der Ort der dir am wenigsten gefallen hat, gefällt mir vielleicht am besten, wer weiß? 

Ich auf jeden Fall nicht mehr, wenn du mir schon eine Meinung, eine Vorstellung und somit eine Erwartung eingepflanzt hast. 
Unser Plan ohne Plan zu fliegen, war auch für mich anfangs undenkbar. Zu viel gibt es zu sehen und zu viel Zeit würde verschwendet, wenn man es nicht tut.


Doch das änderte sich schlagartig in Lissabon.

Ein Wochenende hatten wir dort. Ein Wochenende um eine ganze Stadt zu erkunden + einen kompletten Tag bei der DNX global zu verbringen. Und diese kurze Gelegenheit musste natürlich ausgiebig genutzt werden. Keine Zeit zum rumliegen, ausschlafen oder ziellos durch die Gegend irren.

Hier gab es einiges tu tun: 

Christo Rei Statue
Monesteiro dos Jerónimos
die Straßenbahn Electrico 28
Torrede Belém
 
um nur ein paar zu nennen.

Lissabon ist voll von sehenswerten Gebäuden. 


Und diese besichtigen sich schließlich nicht von selbst.

Also klingelte der Wecker. Sonntagsmorgens um 6, denn Montag, um 12:45 Uhr ging schon der Flug zurück und den ganzen Samstag haben wir schließlich auf der DNX verbracht. Viel zu wenig Zeit also, um die ganze Liste abzuhaken. Highlights wurden gewählt. Aber nicht nach geschichtlicher Relevanz oder persönlichem Interesse, sondern schlichtweg nach dem äußeren. Das hübscheste/ fotogenste wurde ausgewählt. Und los ging der sightseeing trip. Anfangs auch noch voller Vorfreude und Motivation rannten wir durch Lissabons Hitze.

Doch von Stunde zu Stunde sank die Begeisterung. 

Die Sehenswürdigkeiten hatten natürlich nicht nur wir auf dem Zettel und so mussten wir uns bald durch Tourimassen quetschen, nur um dann festzustellen, das die Schlangen gefühlt kein Ende hatten und dann frustriert und dehydriert zum nächsten zu hetzen.Irgendwann am frühen Nachmittag war es schließlich so heiß, das uns endgültig die Lust verging. Wir hatten nicht ein einziges wirklich brauchbares Foto, dafür aber einen Sonnenbrand. 

Wir gaben auf. 

Mit dem TukTuk ging es zurück zum Hostel, denn weiter laufen durch diese Hitze mit diesem bereits fortgeschrittenen Sonnenbrand war keine Option mehr. Mit schlechter Laune, genervt und dehydriert fielen wir aufs Bett. 
Den restlichen Tag verbrachten wir damit durch unsere kleine Ecke zu schlendern, etwas essen zu gehen und einfach nur damit zusammen zu sein. 

Doch so schnell gebe ich dann doch nicht auf. 

Und der Montag steht ja noch zum Teil zur Verfügung. Meine Tante schrieb mir auf WhatsApp einen - wie sollte es anders sein - gut gemeinten Tipp für Lissabon. Habt ihr schon dies gemacht, das gesehen und jenes probiert? Nein, haben wir nicht. Na dann müsst ihr aber noch unbedingt, das ist ein absolutes MUSS in Lissabon.

Gelesen, gegoogelt, getan. 

Am nächsten Morgen klingelte wieder ein früher Wecker. Und es ging in DAS MUSS von Lissabon - Alfama. Ein Altstadtteil. Nicht weit weg von uns. 

Was wir dabei nicht bedacht hatte: Alfama ist vermutlich nur am Tag sehenswert. Morgens ist es leer, alles hat noch geschlossen, die Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit. Enttäuscht sahen wir uns in diesen wirklich hübschen, aber dennoch im Gegensatz zu meinen Erwartungen unspektakulären Gasse um. 

Das war der Moment! 

Ich wurde sauer! Ich hatte so die ganze Zeit, die wir hier hatten, damit verplant und verbracht irgendwelchen angeblichen Attraktionen hinterher zu rennen, die schon jeder andere tausend mal fotografiert hat. Willst du ein Bild davon sehen, frag Google. Oder Instagram. Oder Pinterest. Ich hatte Yannick früh morgens aus dem Bett geschmissen und ihn quer durch Lissabon gescheucht für nichts. Und das allerschlimmste war: ich konnte die Schönheit dieser Stadt nicht mehr zu schätzen wissen, denn meine Erwartungen wäre viel höher. Ich war enttäuscht. Von Alfama. Und dann von mir selbst. Schließlich kann der Stadtteil nichts dafür. 

Und so trafen wir die Entscheidung nie wieder Sehenswürdigkeiten zu besuchen, wenn es nur um irgendein Foto geht. Wir trafen die Entscheidung nicht mehr auf solche Tipps zu hören und nach sehenswerten Dingen des Ortes zu googeln. Wir trafen die Entscheidung nichts mehr zu planen. Denn meine ach so tollen Pläne hatten uns unser schönes Lissabon Wochenende versaut. Sie haben gestresst, genervt und schließlich enttäuscht. 

Wer nichts erwartet wird nicht enttäuscht, sondern überrascht. 

Und das ist auch der Grund, warum wir eigentlich keine Blogger sind. 

Wir wollen dir keine Reisetipps im eigentlichen Sinne geben. Kein "Du musst unbedingt da hin." oder "Das kannst du dir sparen.". Wir sind der Meinung das jeder seine eigene Erfahrung machen muss. Nur weil mir oder Yannick oder uns beiden etwas nicht gefällt, heißt das noch lange nicht, das es dir auch nicht gefallen wird. Und andersherum. Wir werden natürlich hin und wieder erwähnen, das etwas aus irgendwelchen Gründen gut oder schlecht war, aber bitte nimm das nicht als vorgefertigte Meinung to go an. Du darfst dir eine eigene Meinung bilden. Daher bin ich schon immer grade mit negativen Eindrücken sehr vorsichtig unterwegs. Ich will niemandem die Chance nehmen etwas für ihn großartiges zu entdecken, nur weil ich es eben nicht so empfand. 

Wir werden versuchen hier einen guten Mittelweg zu finden. Und wenn, dann mehr Empfehlungen, für Dinge, die du vielleicht noch nicht auf dem Zettel hast. 

Und so sind wir vielleicht doch schon wieder echte Blogger. 

Denn es geht hier nicht um vorgefertigte Routen und Empfehlungen, wie du sie auch bei Google findest. Es geht darum völlig unvoreingenommen an Orten zu leben, die man besucht. Rumzuschlendern, neue Wege zu entdecken, Erfahrungen zu machen und Neues auszuprobieren.

Es geht darum unsere Welt zu entdecken und sie dir näher zu bringen. 

Und das ist es, was wir tun wollen. 

Als Antisightseeer die Welt erkunden. 

Und du bist herzlich eingeladen uns zu begleiten. 


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Julie (Samstag, 20 Oktober 2018 18:18)

    Ein wirklich ganz großartiger Beitrag!! Das hast du wirklich super formuliert! Ich stimme dir zu 100 Prozent zu!!
    Danke für die wunderbaren Worte!!! Vor allem auch der Satz "Als Antisightseeer die Welt erkunden" gefällt mir richtig gut.
    Liebe Grüße
    Julie von julie-en-voyage.com

  • #2

    Ilona (Montag, 22 Oktober 2018 15:00)

    Hmmm, jein...

    Also grundsätzlich kriege ich gerne Tipps und gebe ich gerne Tipps. Privat und auf dem Blog (bzw. anderen Blogs). Ich denke, meine Leser, meine Freunde und ich auch sind erwachsene, mündige Menschen. Ich gebe einen Tipp und was der andere mit dem Tipp macht, das muss er selbst entscheiden.
    Man lernt mitunter - so wie ihr - auf die harte Tour, dass ein Tipps nur das ist: Ein Tipp, ein Hinweis, eine Empfehlung. Kein MUSS.
    In erster Linie muss man da halt an sich selbst arbeiten, denn war es nicht Buddha der meinte, es seien die Erwartungen der Menschen, die Schmerzen und Leid bringen und die Kunst sei es, nichts zu erwarten. Ich halte das für kaum möglich, aber es ist eine gute Übung, gerade im Umgang mit Tipps für Reisen.
    Ich freue mich über Tipps, ich habe schon sehr gute bekommen. Und ich denke, ich habe auch schon sehr gute gegeben. Aber derjenige, der den Tipp gibt, ist nicht Schuld dran, wenn derjenige, der den Tipp erhält, sich davon stressen lässt.

    LG, Ilona von wandernd.de