Über Perfektionismus auf social media

Wann wurde alles so ernst? Wann haben wir aufgehört einfach wir selbst zu sein, um stattdessen ein perfektes Bild unserer selbst zu zeigen? Seit wann kann keiner mehr ungeschminkt vor die Tür gehen? Seit wann muss jedes Frühstücksmüsli dekoriert und perfekt belichtet geshootet werden, bevor es gegessen werden darf? Seit wann ist die Welt so oberflächlich? Kam es schon mit Facebook? Oder erst mit Instagram? War es ein schleichender Prozess oder war es plötzlich da, so wie Tinder?

 

Ich habe das Gefühl den Anschluss verpasst zu haben. Ich weiß nicht wann es passiert ist, das jedes morgendliche fertig machen ein eigenes Instagram-Highlight und ein YouTube Tutorial verdient hat. Ich habe das Gefühl jeder Mensch, der sich auf Social Media bewegt, nimmt sich selbst viel zu ernst. Diese ganze Perfektion führt dazu, das ich mich schlecht fühle, sobald ich die Seite öffne.

 

Alle essen nur gesund, machen jeden Tag Yoga, nehmen sich Zeit für sich selbst und nutzen diese für Massagen, Wohlfühlbäder oder zum Lesen. Jeder Zweite sitzt grade irgendwo auf der Welt in einem Infinitypool oder liegt an einem scheinbar verlassenem Strand, ist perfekt gebräunt und super happy, mit einer Kokosnuss in der Hand. Alle predigen Digital Detox und das wir das Offline leben mehr geniessen sollten in ihren Bildtexten.

 

Aber tun sie es selber?

 

Sie verdienen Geld, indem sie ihre perfekt voreingestellten Filter für's Bearbeitsungsprogramm verkaufen. Sie verkaufen Perfektion, damit auch du dich so darstellen kannst und dich nicht schlecht fühlst in deinem eigenen Leben, das vielleicht nicht so perfekt ist. Eher wahrscheinlich als vielleicht.

 

Wo sind die Menschen die an einem freien Tag den ganzen Tag im Bett oder auf der Couch gammeln, fettige Pizza bestellen und ihre liebste Netflix-Serie suchten? Wir wissen alle, das es sie gibt. Vor allem, weil ich einer von ihnen bin. Aber das zeigt man natürlich nicht. Sich ein Stück Pizza reinzuschieben, während man in seinen Schlabberklamotten auf der Couch liegt, ist nicht wirklich ästhetisch. Aber realistisch. Zumindest für mich. Und dieses Digital Detox, wieso laden die Prediger trotzdem jeden Tag 3 absolut perfekte Bilder aus dem letzten Shooting hoch? Ich verstehe ja den Gedanken, das man nur das schöne, das aufregende von seinem Leben teilt. Ich verstehe auch, das eine gewisse Anzahl an Posts nötig ist, um die eigene Reichweite aufrecht zu erhalten. Und ich verstehe auch, das vieles, was die Menschen mit ihren Bildtexten teilen, wichtig ist und das es ihnen wichtig ist, das zu teilen, aber würde weniger nicht reichen?

 

Ist das wirklich wichtiger, als der Moment, der gerade passiert, während du aufs Handy guckst? Ist das wirklich wichtiger, als der Mensch, den du grade ignorierst, während du deine Instagram-Seite durchscrollst?

 

Sind die Prioritäten wirklich noch richtig?

 

Wir haben das Gefühl Menschen zu kennen, weil wir ein paar Minuten, ein paar Ausschnitte ihres Tages online sehen und miterleben können. Wir haben das Gefühl mit unseren Freunden nicht mehr reden zu müssen, weil wir online ja sehen, was sie so machen. Wir sind nie allein, doch immer einsamer. Immer in Gedanken woanders. Immer schon beim nächsten fotografierenswürdigem Moment, während dieser grade noch passiert. Immer beschäftigt und doch kriegen wir nix mehr richtig mit.

 

Doch was bringt es dir am Ende 100Tsd Follower auf Instagram zu haben? Was bringt es dir, wenn du dich einsam fühlst und jemandem zum Reden brauchst? Was bringt es dir, wenn du traurig bist und ein wenig Aufmunterung vertragen könntest? Was bringt es dir, wenn du 80 bist? Willst du dein ganzes Leben für immer teilen? 

 

Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit die eigenen Prioritäten und Werte wieder zu hinterfragen und neu zu ordnen. Vielleicht ist es an der Zeit das Smartphone wieder öfter wegzulegen. Vielleicht ist es an der Zeit wieder mehr offline Zeit mit Freunden zu verbringen.

 

Und vielleicht ist es an der Zeit wieder mehr zur eigenen Unperfektion zu stehen. 

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